Historie

 

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K. H. Wagner

Die Bahnlinie Offenbach-Bieber-Heusenstamm-Dietzenbach

Als am 1. Dezember des Jahres 1898 nach jahrzehntelangem Ringen endlich die Bahnlinie Offenbach- Bieber- Heusenstamm- Dietzenbach eröffnet werden konnte, war es für Dietzenbach ein "Jahrhundertereignis" und für viele Dietzenbacher Berufspendler ein wahrer Segen.
Immer mehr Dietzenbacher gingen als Fabrikarbeiter und auch als Bauhandwerker in die Großstädte Offenbach und Frankfurt ihrem Broterwerb nach. Sie mussten entweder früh morgens zu Fuß zu ihren Arbeitsplätzen marschieren, bei jedem Wetter, sommers wie winters, oder aber sie hausten währen der Woche an ihrem Arbeitsort in Gemeinschaftsunterkünften und kamen erst zum Wochenende, also am Samstagabend, nach Dietzenbach zurück.
Aber nicht nur wegen der Berufspendler bestand ein starker Bedarf nach einer Bahnverbindung. Auch Dietzenbachs Bauern waren an einem schnellen Tranksportmittel für ihre Produkte zu den städtischen Absatzmärkten interessiert, und die Gemeindespitze versprach siech vom Holztransport per Bahn höhere Einnahmen aus dem Gemeindewald. Nicht zuletzt würde eine Bahnverbindung der Dietzenbacher Bevölkerung eine Vielzahl von Vorteilen und Annehmlichkeiten bringen, zum Beispiel würde es begabten Schülerinnen und Schülern dadurch erleichtert, eine höhere Schule zu besuchen, auch spezielle ärztliche Betreuung könnte dann in Anspruch genommen werden.
So setzte sich die Dietzenbacher Gemeindeführung bereits im Jahre 1872 für einen Eisenbahnanschluß nach Offenbach ein: Bürgermeister Martin Heberer wurde in ein Komitee zu Beratungen mit Gemeindevertretern von Offenbach, Dieburg, Groß-Zimmern und Münster entsandt, das ein gemeinsames Schreiben an das Großherzogliche Ministerium des Innern richtete. In dem Gesuch baten die Gemeinden um Prüfung, ob eine Eisenbahn von Reinheim über Dieburg und Dietzenbach nach Offenbach auf Staatskosen bebaut werden können. Gleichzeitig richtete das Komitee eine Eingabe an den Verwaltungsrad der Hessischen Ludwigsbahngesellschaft. Zur Begründung der Anträge wurde eine statistische Übersicht mit Größe, Einwohnerzahl, Steueraufkommen und wichtigen Wirtschaftsfaktoren der Orte im Einzugsbereiche der vorgesehenen Bahnlinien beigefügt.
Das Ministerium des Innern leitete das Gesuch an das Finanzministerium weiter, das jedoch unverzüglich den Bescheid erteilte, "dass das vorliegende Eisenbahnprojekt sich ... ebenso wenig zur Ausführung durch den Staat als zu einer Staatssubvention eignet und dass eine Erklärung darüber, in welcher Weise und unter welchen Bedingungen die Ausführung des Projekts genehmigt werden kann, erst dann erforderliche sein dürfte, wenn sich eine Gesellschaft gefunden haben wird, die zur Ausführung bereit und im Besitzt der nötigen Geldmittel sein sollte." Da die Hessische Ludwigsbahngesellschaft das Bahnprojekt nicht übernahm und sich auch keine andere Gesellschaft dafür finden ließ, stellte das Komitee seine Tätigkeit ein.  Gleichwohl drängten die Ortschaften  auch weiterhin auf eine günstige Verkehrsverbindung, so dass sich das Großherzogliche Ministerium  des Innern schließlich veranlasst sah, eine Verkehrszählung anzuordnen. Sie begann am 1.9.187 und dauerte ein Jahr. 
1877 schlossen sich daraufhin 19 Gemeinden aus der Region zwischen Offenbach/ Frankfurt und Darmstadt zu einem Eisenbahncomitee zusammen und richteten an das Großherzogliche Ministerium der Finanzen die "gehorsamste Bitte" um die Erlaubnis für Vorarbeiten zur "Erbauung einer Sekundärbahn von Offenbach über Heusenstamm, Dietzenbach, Ober Roden, Urberach, Eppertshausen, Münster, Dieburg, Groß- und Klein-Zimmern, Spachbrücken nach Reinheim, nebst einer Zweigbahn über Bieber, Obertshausen, Weiskirchen, Hainhausen, Jügesheim, Dudenhofen nach Nieder Roden." Doch das Ministerium reagierte mehrere Jahre überhaupt nicht auf dieses Gesuch, und so wandten sich die Gemeinderäte der Städte mit einer Eingabe an die zweite Städtekammer. Darin begründeten sie ihre Bitte, den Bau einer "Vicinalbahn" auf Staatskosten prüfen zu lassen, mit günstigen Terrainbedingungen, billig zu erwerbendem Gelände und einer größeren Zahl Gewerbebetriebe im Einzugsbereich.
Inzwischen waren bereits Planungen zur Streckenführung von Offenbach über Dietzenbach und Dieburg nach Reineheim und von Offenbach über Obertshausen und Dudenhofen nach Babenhausen durchgeführt worden. Baurat Sonne hielt eine Normalspurbahn von Offenbach über Dudenhofen nach Babanhausen, die schon im Jahre 1870 ins Auge gefasst wurde, für unrentabel und kam zu dem Schuss, "mehr Aussicht auf Erfolg" habe eine Bahn Offenbach- Weiskirchen- Dudenhofen- Dieburg. Er empfahl, die Strecke als Schmalspurbahn auszuführen.
Im Juni 1881 erteilte das Großherzogliche Ministerium der Finanzen schließlich doch die beantragte Genehmigung für die Vorarbeiten. Sofort erging vom Komitee an das Spezialbüro Paulsen der offizielle Auftrag. Da jedoch das Ministerium eine Kostenübernahme abgelehnt hatte, wurden die Kosten für die Vorarbeiten über einen durch die beteiligten Gemeinden gebildeten Eisenbahnfonds getragen.
Das Büro Paulsen veranschlagte die Kosten der vom Komitee geplanten Eisenbahnbauten auf rund zwei Millionen Mark: für die Strecke Offenbach-Dieburg 983.000 Mark, weiter bis Reinheim 381.000 Mark und für die Zweigbahn Offenbach-Nieder-Roden 736.000 Mark.
Zwar hatte die Landesregierung generell "grünes Licht" für die Eisenbahnprojekte gegeben, jedoch galt es noch eine ganze Reihe von Hürden zu nehmen, und insbesondere hinsichtlich der Trassenführung setzte nun ein langwieriges Tauziehen der beteiligten Städte und Gemeinden ein.
Die Verhandlungen über die Trassenführung zog sich noch ein gutes Jahrzehnt hin, und wiederholt bestand die Gefahr, dass Dietzenbach und Heusenstamm letztendlich doch noch leer ausgehen und keinen Bahnanschluss erhalten würden. Nachdrücklich appellierte der Dietzenbacher Gemeinderat an das Großherzogliche Regierung: "Es sind hier ca. 400 Arbeiter, die ihr Brot in Frankfurt/Main und zum größten Teil in Offenbach verdienen. Dieselben sind jetzt genötigt, in den genannten Städten die Woche über zu wohnen und so einen großen Teil ihres Verdinestes wieder auszugeben ...
Auch die Rentabilität des Bahnanschusses wird von den Dietzenbachern als Argument ins Feld geführt: "Durch die tägliche Benutzung der Bahn von etwa 400 Arbeitern würde die Rentabilität der Bahn besonders erhöht werden. Es werde sich nicht bloß ein lebhafter Verkehr mit Personen entwickeln, sondern auch der Güterverkehr würde in die Waagschale fallen."
Die Großherzoglich-Hessische Regierung hielt Wort: Der Bau der Sekundärbahn Reinheim-Offenbach und der Abzweigung von Bieber nach Dietzenbach wurde beschlossen. Im März 1894 wurden die Baupläne offengelegt, die Anhörung hierzu fand in Dietzenbach am Montag, 19. März, im Schulhaus statt.
Unverzüglich ging man an den Bau der Rodgau-Bahn, der Nebenbahn-Linie von Offenbach nach Reinheim, und schon zwei Jahre später, am 30.9.1896 konnte sie feierlich eingeweiht und in Betrieb genommen werden.
Im Februar 1898 wurde dann endlich mit dem Bau der Zweigbahn Bieber-Dietzenbach begonnen. Die Bauarbeiten gingen zügig voran, so schnell, dass die Königlich- Preußische und Großherzoglich- Hessische Eisenbahn am 13. April 1898 mitteilte, dass die 9,6 km lange Linie Bieber-Dietzenbach bereits am 1. Oktober eingeweiht werden solle. Aber bei aller Eile - dieser Termin konnte dann doch nicht eingehalten werden. Jedoch dauerte es insgesamt nur acht Monate bis zur Fertigstellung. Am 28. November 1898 fuhr ein Sonderzug die Strecke ab, das Großherzogliche Kreisamt hatte zu dem Termin geladen.
"Ergebenst" beehrte sich die Königlich Preußische und Großherzogliche Hessische Eisenbahndirektion Mainz, die Großherzogliche Bürgermeisterei Dietzenbach zu benachrichtigen, "dass die 9,61 km lange normalspurige Nebenbahnstrecke Bieber-Dietzenbach mit den Haltestellen Heusenstamm und Dietzenbach am 1. Dezember 1898 für den Personen-, Gepäck-, Güter-, Leichen-, Fahrzeugen- und Viehverkehr eröffnet wird". Fahrzeuge können jedoch nur auf der Haltestelle Dietzenbach ver- und entladen werden.
Für die Gemeinden begann mit diesem Festtag eine neue Ära. Mehr als 700 Heusenstammer und über 400 Dietzenbacher Arbeiter nutzten nun die Sekundärbahn zur Fahr zur Arbeit in den im östlichen Offenbach gelegenen Fabriken und Gerbereien. Um 5:02 Uhr morgens fuhr der erste Zug in Dietzenbach ab, damit die Arbeiter pünktlich um 6:00 Uhr an ihrem Arbeitsplatz sein konnten. Auch der Güterverkehr wuchs zunehmend und ab 1902 transportierte die Bahn auch die Post.
Die Gemeinden hatten noch jahrzehntelang für den Geländeerwerb zu zahlen und mussten Geld an die Geländeerwerbskasse abführen. Eine Million Mark waren zur Finanzierung der Strecken an Krediten aufgenommen worden, weitere 230.000 Mark hatten die Gemeinden aufgebracht, davon Dietzenbach rund 5.600 Mark. Nun wurden die 20 Gemeinden, die von der Rodgau-Bahn und ihren Nebenstrecken profitierten, kräftig zur Kasse gebeten. Die Stadt Dietzenbach musste - berechnet nach ihrer 1891 Seelen zählenden Einwohnerschaft und ihrem Steueraufkommen - an die 35.500 Mark zahlen.

Blick aus dem Fenster des Bahnhofgebäudes auf den Ortskern:

1926

1994

Quelle: Recherchen von Hr. Gunther Junkert, Dietzenbach