Historie

 

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Der Haltepunkt Rollwald

Rollwald hat innerhalb der Stadt Rodgau eine Sonderstellung. Auch wenn an manchen Stellen die Beschilderung dies anders darstellt, Rollwald ist kein Stadtteil der Stadt Rodgau. Rollwald ist der Ortsteil des Rodgau-Stadtteils Nieder-Roden. Auch gibt es keinen Bahnhof Rollwald, lediglich den Haltepunkt „Rollwald“.

Dass die Eisenbahnzüge in Höhe Rollwald, neben der alten Bundesstraße 45 halten, war nicht immer so.

Wer auf älteren Landkarten die Strecke der 1896 eingeweihten Eisenbahnlinie von Offenbach, über Dieburg nach Reinheim verfolgt, stellt fest, dass zwischen Nieder-Roden und Ober-Roden kein Halt für die regelmäßig verkehrenden Züge vorgesehen war. Es gab dafür auch keinen Grund. Rollwald war ein Waldgebiet, eben der „Rollwald“, umgeben von Wiesen und Feldern. Auch der Bau der Versuchshöfe und die Einrichtung des Strafgefangenenlagers Rollwald 1937/1938 änderten nichts daran, dass Material- oder Personentransporte mit Ziel Rollwald nach Nieder-Roden oder Ober-Roden geleitet wurden.

Das Strafgefangenenlager Rollwald besetzten 1945 die Amerikaner, lösten es auf und richteten hier ein Kriegsgefangenenlager ein, benutzten die Gebäude zur Aufnahme der zentralen Kriegsgefangenenkartei der Alliierten und nannten den Stützpunkt „Headquarters European Command - Prisoner of  War Information Bureau“.

Anfang der fünfziger Jahre, die Amerikaner hatten die Gebäude aufgegeben, wurden die Baracken und Wärterhäuser mit Privatpersonen belegt, zumeist Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Und noch immer hielten die Züge nur in Ober-Roden und Nieder-Roden. Sicherlich wäre das noch lange so geblieben, hätte es da nicht einige Leute gegeben, die sich mit diesem Umstand nicht abfinden konnten. Mal wurde auf freier Strecke einfach die Notbremse gezogen, mal der Lokführer mit einer Zigarette bestochen, um sich den Fußweg vom Bahnhof nach Rollwald zu ersparen.

Dieser Umstand führte dazu, dass es 1955 dem Niederröder Bürgermeister J.P. Weyland gelang, einen ungewöhnlichen Vertrag mit der Bundesbahn zu schließen.

Die Bundesbahn verpflichtet sich darin bei km 19.666 der eingleisigen Strecke Offenbach-Dieburg den unbesetzten „Haltepunkt Rollwald“ einzurichten, legt Bahnsteige und Bahnsteigkanten an und ist für die Aufstellung der Bezeichnungsschilder zuständig.

Die Gemeinde Nieder-Roden erstellt einen Warteraum für die Fahrgäste und sorgt für Zugangswege und Beleuchtung. Doch damit nicht genug. Die Pflege der Anlage erfolgt ebenfalls durch und auf Kosten der Gemeinde.

In heutiger Zeit unvorstellbar, bei Unterzeichnung des Vertrages am 7.April 1955 waren die im Vertrag genannten Arbeiten bereits ausgeführt.

Und so kam es, dass dem im Rollwald wohnenden Gemeindearbeiter Otto Peschel Aufgaben übertragen wurden, die an anderen Orten Bahnmitarbeiter ausführten. Das aufgrund des Vertrages errichtete helle Gebäude, versehen mit Sprossenfenstern und großen verglasten Flügeltüren war regelmäßig zu reinigen, die Fenster zu putzen, die Bahnanlage sauber zu halten. Bei winterlicher Glätte hatte der Gemeindearbeiter die Zugangswege und den Bahnsteig mit "stumpfen Mitteln" abzustreuen, bei Minusgraden den Holzofen in der Mitte des Raumes einzuheizen. Doch zumeist erledigte Ehefrau Rosa diese Arbeiten.

Ab etwa Mitte der sechziger Jahre war die Instandhaltung des Gebäudes in dem Umfang nicht mehr möglich.

Die zerbrochenen Fenster wurden durch Glasbausteine ersetzt, später die Tür mit den Seitenflügeln völlig entfernt, irgendwann die Fensteröffnungen völlig verschlossen.

Das einst gemütliche Häuschen wurde so im Laufe der Zeit zur Wartehalle, die in den letzten Jahren  nicht mehr schön anzusehen war und nur noch einfachen Wetterschutz geboten hatte.

Am  28. Juli 2002 wurde das Gebäude im Zuge  des Ausbaues der neuen S-Bahn-Trasse abgerissen.

Der bestehende Vertrag über die Einrichtung eines Haltepunktes Nieder-Roden war viele Jahre in Vergessenheit geraten. Kaum jemand wusste in neuerer Zeit um die verpflichtenden Paragraphen für Bahn und die Stadt Rodgau. Nachträglich aufatmen können insbesondere die Rollwälder Zugbenutzer, dass § 8 des Vertrags nie Anwendung gefunden hat:

 

§ 8

Die Bundesbahn ist berechtigt, den Haltepunkt vorübergehend oder endgültig aufzulösen, wenn die Aufrechterhaltung nach dienstlichem Ermessen nicht mehr zu vertreten ist. Sie ist jedoch gehalten, in einem solchen Falle die Gemeinde in Kenntnis zu setzen.

 

Das „Bezeichnungsschild“ Rollwald, aufgenommen 1988

Quelle: Werner Stolzenburg / Rodgau - Nieder-Roden/Rollwald